
Vor mir steht eine Schale Milchkaffee – eine Berliner Tradition, die noch nicht ganz verdrängt wurde von den italienischen Spezialitäten und ihren amerikanischen Variationen. Meine Hände tasten, nehmen sie auf, führen sie zum Mund. Leises Schlürfen – und die Welt über den Schalenrand betrachten.
Die Welt sind hier: die anderen Gäste in 11-Uhr-Sonntags-Spätvormittags-Trägheit, die beim Kaffee einen langsam ablaufenden Prozess des Munterwerdens vollziehen. Der Vorgang könnte beispielsweise rechtzeitig beendet sein, um gegen 17 Uhr einen Spaziergang zu machen und sich anschließend mit Freunden zum Abendessen zu treffen. Eventuell ließe sich ab 13 Uhr ein Buch lesen, nicht früher.
Keinesfalls ist schon der Zustand erreicht, in dem man nicht nur andere laute Menschen zu ertragen bereit ist, geschweige denn sich in lauter Weise anderen zumuten mag.
Anderswo findet in vielen Lokalen das Gesellschaftsspiel des öffentlichen Frühstückens bis 15 Uhr statt, verbunden mit dem Lärm, den Menschen von sich geben, die sich gern reden hören; dazwischen Kinder, Klingeln von Telefonen und den Nichtigkeiten der Anrufe.
Ganz ungestört sind wir auch hier nicht: Gelegentlich klappert ein Koffer über das Pflaster, wenn sich Touristen aus einem der umliegenden Hotels auf den Weg zur S-Bahn und weiter auf eine lange Rückreise machen. Gepäck und Geschwätz der Abreisenden bekommen kurz die widerwillige Aufmerksamkeit meiner Mit-Gäste, danach wird es wieder still.
Wir trinken weiter Kaffee. Von drinnen begleitet das Geräusch der Maschine das genussvolle Sonntagsdämmern. Draußen freuen sich Spatzen tschilpend über die Krümel eines ehemaligen Croissants unter dem Tisch vor mir. Sonst spricht keiner.